Miese Altenpfleger-Löhne stoppen Branchenboom |
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Qualifizierte Pflegerinnen/er sind heiß begehrt - nur bezahlen will sie keiner. Niedriglöhne und fehlende Karrierechancen könnten den Branchenboom bald stoppen.
Qualifizierte Pflegerinnen/er
Die junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und grauem Pullover sieht sehr zufrieden aus. "Zuerst wollte sie Managerin werden. Dann Seelsorgerin, dann Ärztin, dann Therapeutin. Jetzt ist sie alles auf einmal", steht in großen Buchstaben neben ihr auf dem Plakat. Es wirbt im Auftrag des Familienministeriums für die "Moderne Altenpflege". Für Maria Schmitz* klingen solche Sprüche wie purer Hohn.
Seit 15 Jahren arbeitet sie in der Branche und weiß, dass Altenpflege alles andere als ein Traumberuf ist: "Das ist harte, körperliche Arbeit, mit Schichtdienst und Wochenendarbeit. Und die Gehälter sind überall unter Druck -
Schlechtes Image, harte Arbeit und vor allem die niedrigen Löhne machen der bislang krisenfesten Branche zu schaffen - denn ohne Personal kein Wachstum: "Der Mangel an qualifizierten Pflegefachkräften könnte für das Wachstum des Pflegemarkts in manchen Regionen zu einem Problem werden", sagt Sebastian Krolop Geschäftsführer der Unternehmensberatung Admed und Mitautor des "Pflegeheim Rating Reports 2009".
Noch boomt das Geschäft Der Markt für Pflegedienstleistungen wächst am stärksten innerhalb des Gesundheitswesens und erreichte 2007 einen Umsatz von 27 Mrd. Euro. Nach Krankenhäusern, Arztpraxen und Apotheken belegen die Angebote von ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen damit Platz vier. Bis 2030 wächst das Marktvolumen auf 42 Mrd. Euro an, erwarten die Experten vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).
Die Mitarbeiter allerdings profitieren von der starken Nachfrage kaum. Im Gegenteil: In dem hart umkämpften Markt, ist das Personal einer der größten Kostenfaktoren - und die Schraube an der fast alle Pflegebetreiber zu drehen versuchen. "Bei einem Personalkostenanteil von 70 bis 80 Prozent in der Pflege ist dieser Posten der erste, an dem die Träger zu sparen versuchen", sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaft und Sozialpolitik der FH Koblenz.
Als Folge des Immobilienbooms der vergangenen Jahre haben viele Betreiber jetzt mit leeren Betten zu kämpfen. "Gerade die großen Konzerne sind wie die Irren in den Markt reingelaufen und haben Heime gebaut, die jetzt nicht belegt werden", sagt ein Analyst. In einigen Regionen liegt die Auslastung der Pflegeheime unter 70 Prozent, stellt der Pflegeheim-Report des RWI fest. Er sieht für 13 Prozent der Einrichtungen erhöhte Insolvenzgefahr. Private Heime schneiden noch schlechter ab. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie die Löhne senken.
Stimmung am Boden Examinierte Pflegefachkräfte, die nach Tarif bezahlt werden, können nach zehn Jahren eigentlich mit etwa 2500 Euro Brutto rechnen. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund zufolge bekommen jedoch fast Dreiviertel aller Pflegebeschäftigten weniger als 2000 Euro. "Besonders bei den Pflegehilfskräften wird gespart.
Private Anbieter zahlen zum Teil nur Stundenlöhne von 6 Euro und weniger", sagt Ute Gottschaar, Pflegeexpertin beim Verdi Landesbezirk Niedersachsen-Bremen. Bislang gibt es keinen gesetzlichen Mindestlohn in der Pflege. Das nutzten vor allem private Anbieter, um die Löhne für Hilfskräfte oder Mitarbeiter in der Küche zu drücken, glaubt man bei Verdi. Dagegen gelten die Freigemeinnützigen bei den Angestellten bisher als attraktive Arbeitgeber, denn sie zahlen nach Tarif. Noch.
In Niedersachsen hat jetzt erstmals ein freigemeinnütziger Träger Tarifvereinbarungen gekippt. Um sechs bedrohte Pflegeeinrichtungen der Caritas Hannover vor der Insolvenz zu retten, übernahm das diakonische Johannesstift aus Berlin die Heime. Pikantes Detail des Kaufvertrags: Die 580 Beschäftigten mussten dem neuen Tarif des Johannesstiftes zustimmen - und bekommen künftig 13 Prozent weniger Gehalt.
Die Stimmung zwischen Diakonie und Caritas liegt am Boden, schließlich wollten sie sich in Niedersachsen einst gemeinsam für eine bessere Bezahlung der Pfleger starkmachen. Die werfen ihnen jetzt Lohndumping vor. Das wollen sich weder die evangelische noch die katholische Kirche gefallen lassen. Dass nun auch sie zu Lohnsenkungen gezwungen seien, liege an den niedrigen Löhnen der privaten Konkurrenz und den extrem niedrigen Pflegesätzen in Niedersachsen. Denn wie viel Gehalt Pflegekräfte letztlich mit nach Hause nehmen, hängt nicht nur vom Träger, sondern auch der Höhe der Pflegesätze ab. Und die sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.
In Niedersachsen liegt der Satz neun Prozent unter dem westdeutschen Durchschnitt, da die Pflegesatzbemessung hier nicht zwischen tarifgebundenen Trägern und tarifungebundenen Trägern unterscheiden. Da fast 60 Prozent der Pflegeheime in Niedersachsen in privater Hand und die Löhne dort in der Regel niedriger sind, waren die Tariflöhne nicht mehr bezahlbar, heißt es nun bei Caritas und Diakonie. "Wenn man einer Pflegefachkraft nach Tarif 43.000 Euro brutto bezahlt und nur 39 500 Euro im Jahr in den Pflegesätzen anerkannt wird, dann hat man automatisch ein Minus von 3500 Euro" , sagt Heinrich Kröger, stellvertretender Geschäftsführer der Caritas-Seniorendienste Hannover. Jedes Jahr machen die Caritas Einrichtungen 1,5 Mio. Euro Verlust. "Würden unsere Heime nicht in Hannover, sondern in Nordrhein-Westfalen stehen, hätten wir nach Tarif bezahlen und trotzdem Gewinn erwirtschaften können", sagt Kröger.
Verlorener Wettbewerbsvorteil Pflegewirtschaftler Sell hält diesen Fall für symptomatisch: "Auf Dauer werden Kirchen und Wohlfahrtsverbände nicht links blinken und rechts fahren können." Wenn sich freigemeinnützige Träger nicht konsequent für faire Löhne ihrer qualifizierten Mitarbeiter einsetzten, verlieren sie an Glaubwürdigkeit - und damit langfristig einen Wettbewerbsvorteil. "Das gute Ansehen, das die Kirchen bei potenziellen Kunden und Mitarbeitern haben ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann", glaubt Unternehmensberater Sebastian Krolop.
Schon jetzt haben viele Heimbetreiber und Pflegedienste Probleme, genügend Fachkräfte zu finden. Denn während die Wachstumsraten der Branche in den vergangenen Jahren konstant hoch waren, sah es mit dem Nachwuchs mau aus. In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der examinierten Altenpfleger zwischen 1995 und 2006 um nicht einmal fünf Prozent, in Niedersachsen ging die Zahl der neuen Pflegeschüler sogar zurück.
"Es wird zunehmend schwierig, gut ausgebildete Pflegefachkräfte zu finden, da immer weniger qualifiziertes Personal zur Verfügung steht", sagt Dietmar Meng, Geschäftsführer der Cura Seniorenwohn- und Pflegeheime Dienstleistungs GmbH. Nicht nur private Träger sind auf Personalsuche: "Vor allem in Städten wie München, Hamburg oder Köln gibt es bereits massive Probleme", sagt eine Sprecherin des Bundesverbandes der Pflegeberufe.
Nachwuchswerbung durch Imagekampagnen Mittlerweile nimmt sich auch die Politik des Nachwuchsproblems an. Kaum ein Bundesland, das in den letzten Jahren nicht versucht hätte, für den Beruf zu werben: "Ohne Dich sieht Hamburg alt aus" lautete einer der Slogans. 150.000 Euro kosteten die Flyer, Edgar-Postkarten und Plakate mit Hamburger Prominenten wie Jenny Elvers - 40 Pflegeschüler mehr als im Vorjahr meldeten sich an. Die Initiatoren feierten das Plus.
An gutgemeinten und generalstabsmäßig geplanten Imagekampagnen mangelt es der Branche nicht, wohl aber an konkreten Zukunftsperspektiven im Job. "Bisher haben Fachkräfte der Altenpflege nicht genügend Möglichkeiten, um innerhalb ihres Berufes aufzusteigen oder sich zu spezialisieren. Dabei würde das den Beruf insgesamt attraktiver machen", sagt Boris Augurzky vom RWI.
Da sowohl die medizinischen als auch die organisatorischen Anforderungen stiegen müsse man die Ausbildung reformieren. Zum Beispiel mit einem einheitlichen Bachelor für Pflegeberufe. Doch die Bundesregierung ging erst im Mai genau den entgegengesetzten Schritt. Um dem Pflegekräftemangel entgegenzutreten, werden nun auch Bewerber die lediglich einen Hauptschulabschluss haben, für die Ausbildung zugelassen. Damit sei Deutschland, was die Qualifikation in der Pflege angeht, endgültig Schlusslicht in Europa, beschwert sich der Bundesverband der Pflegeberufe.
Tatsächlich steht Deutschland mit dieser Regelung innerhalb der EU ziemlich alleine da. Schon jetzt gilt - mit Ausnahme von Luxemburg und Österreich -
Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln sieht den geplanten Bildungsabstieg in der Pflege deshalb kritisch: "Dieser Vorschlag wäre genau der falsche Weg. Er zeigt, dass Pflege für viele Politiker immer noch als Auffangbecken gilt, um arbeits- oder bildungspolitische Missstände zu korrigieren."
Immerhin: Im Billig-Pflegeland Niedersachsen will die Politik nun handeln. 10 Mio. Euro sollen investiert werden, um "der steigenden Nachfrage in den pflegerischen Berufen Rechnung zu tragen", wie es im zuständigen Ministerium heißt. Doch trotz frischem Geld bleiben die Lösungen die alten: Die nächste Imagekampagne ist in Vorbereitung.
Hilfskräfte in Not Potenziert 2020 werden in Deutschland drei Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Der Europäische Pflegeverband geht von 200.000 zusätzlichen Plätzen in Seniorenheimen aus. Qualifiziert Dringend gesucht wird Fachpersonal, bei Pflegehilfskräften gibt es kaum Mangel. Deshalb sind sie von Lohndumping am stärksten betroffen. Viele bekommen weniger als 6 Euro die Stunde. Minimiert Der Arbeitgeberverband Pflege bietet Hilfskräften 7,50 Euro als Lohnuntergrenze. Die Bundesgesundheitsministerin plädiert für einen gesetzlichen Mindestlohn von rund 10 Euro. (c) FTD
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